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Wenn der eigene Körper fremd wird...

Trier. Transidentität oder auch Transgender. Heute gilt es sogar irgendwie als "hip". Zumindest für die Anderen. Denn für die Menschen, die es sich nicht ausgesucht haben, so zu fühlen, ist es alles andere als ein Trend. Wir haben einen dieser Menschen getroffen. Für Ben steht schon lange fest: Er will das Leben als Frau hinter sich lassen und als Mann leben.

Transgender ist derzeit in aller Munde.  Auch die Universität Trier hat einige Toiletten in "all gender welcome Toiletten" umgewandelt. Am vergangenen Wochenende war der Internationale Transgender-Tag. Doch was bedeutet es eigentlich "trans" zu sein? Die Antwort auf diese Frage können nur Menschen geben, die sich mit ihrem angeborenen Geschlecht nicht identifizieren können. Benedikt, genannt Ben, ist so ein Mensch. Vor 20 Jahren kam er als Mädchen zur Welt. Damals hatte er lange braune Locken, spielte ganz klassisch mit Puppen. "Was sagt es denn schon aus, ob jemand mit Puppen oder Autos spielt", findet der 20-Jährige. Das seien doch alles nur Klischees. 
"Transgender gab doch schon immer. Das ist doch kein Lebensstil oder Krankheit", sagt Ben. "Dass ich so bin wie ich bin, ist nicht das Problem. Das eigentliche Problem liegt darin, dass die Menschen so wenig darüber wissen", bedauert Ben. Transgender habe es doch schon immer gegeben, so Ben. "Der einzige Grund, warum man heute mehr Menschen wie mich antrifft, liegt doch darin, dass wir - zumindest in Deutschland - nicht mehr hingerichtet werden".

Etwas fühlte sich falsch an

Dass Ben als Mann leben möchte, ist ihm schon lange klar. "Da war immer etwas in mir, das sich falsch anfühlte, ich konnte es aber nicht so ganz einordnen", beschreibt Ben die Zeit seiner Identitätsfindung. Anfangs habe er gedacht, er sei lesbisch, aber das stimmt nicht. Ben steht auf Männer. Auch wenn er seine Brüste nie mochte, fühlt er sich nicht im falschen Körper, sondern es sei eher ein gesellschaftliches Problem, denn es gäbe nicht nur schwarz und weiß, sondern ganz viel dazwischen. Herauszufinden, was man ist und wie man einfach leben möchte und letztendlich dazu zu stehen, das sei ein langer Prozess, resümiert der junge Mann mit den bunten Haaren, die exakt zum bunten Nagellack passen. 

Vor "Outing" an Selbstmord gedacht

"Natürlich war ich anfangs etwas unsicher, als Ben mir sagte, er wolle als Mann leben", erinnert sich Mutter Erika. Aber schnell habe für sie festgestanden, dass es doch ganz egal ist, ob Mann oder Frau. "Es hätte auch viel schlimmer kommen können. Er hätte sich auch vor einen Zug werfen können", sagt sie. Und in der Tat hat Ben vor seinem "Outing" auch schon mal an Selbstmord gedacht. Ben: "Aber dann hätte der falsche Name auf dem Grabstein gestanden und das wollte ich auf keinen Fall." Als ersten Schritt zum neuen Leben wollte er seinen weiblichen Vornamen loswerden. Um das möglich zu machen, sind mehrere psychologische Gutachten erforderlich, die bestätigen, dass man bereit für diese enorme Veränderung ist. Nachdem diese Hürde genommen war, fiel es Ben leicht, sich für einen Namen zu entscheiden: "Wenn ich als Junge zur Welt gekommen wäre, hätte meine Mutter mich Benedikt genannt", erklärt Ben seine Namensfindung. Nach einem langen Kampf durch die Bürokratie bekam Ben eine neue Geburtsurkunde, einen neuen Pass, sein Abi-Zeugnis wurde umgeschrieben: "Endlich war ich als Mann eingetragen und registriert, jetzt musste nur noch mein Körper entsprechend verändert werden", berichtet Ben. Ganze drei Jahre habe das alles gedauert. Vor gut einem Jahr war es dann so weit, dass er sich auch äußerlich zum Mann verändern konnte. 

Mit Testosteron zum Mann

Er begann mit einer Hormontherapie. Über Spritzen, Tabletten, Pflaster oder Gel werden dem Körper männliche Hormone hinzugefügt und weibliche gestoppt. Inzwischen zeigt die Testosteron-Behandlung Wirkung: Ben hat mehr Muskelmasse, eine männliche, tiefe Stimme und hat sich kürzlich zum ersten Mal rasieren können. Der nächste Schritt soll  nun nach langem Kampf mit der Krankenkasse folgen: In zwei Wochen werden im Westpfalzklinikum in Kaiserslautern endlich seine verhassten Brüste entfernt.

Einfach normal leben können

Von seinem alten Selbst hat er sich so sehr distanziert, dass er seinen früheren weiblichen Vornamen nirgendwo mehr lesen will. Seit Ben alle behördlichen Hürden hinter sich gebracht hat, geht es ihm besser. Er blickt optimistisch in die Zukunft. Im Gegensatz zu vielen anderen Menschen, die in ähnlicher Situation daran zerbrechen,  hatte Ben Glück - Familie, Freunde und Klassenkameraden haben es ihm leicht gemacht. "Manchmal nennt meine Oma mich noch bei meinem früheren Namen", verrät der angehende Student schmunzelnd. Ihr verzeiht er das auch.  Ebenso wie Menschen, die ihn nur von früher als Mädchen kennen.  Für die nahe Zukunft wünscht sich Ben, dass er bald ganz normal zur Uni gehen kann und einfach nur das sein kann, was er ist.  Transsexualität sei ja keine Krankheit, sondern ganz normal, so Ben. Es sei die Gesellschaft, die daraus eine große Sache mache, nicht die Transsexuellen selbst. Ben hat sich für das Leben entschieden, für ein Leben als Mann.

Hintergrund Transgender

  • Die Vorsilbe "trans" ist lateinisch und bedeutet, dass etwas "jenseits, über, darüber oder gar darüber hinaus" ist.
  • Mit Blick auf das eigene Geschlechtsempfinden bezeichnen die Begriffe transgender, transidentisch oder transsexuell eine (Geschlechts-)Identität, die sich definiert über Faktoren, die über die sexuell-biologischen hinausgehen beziehungsweise sich im Gegensatz zu diesen sieht.
  • Ausschlaggebend für Selbst- und Fremdwahrnehmung ist nicht alleine der Körper oder gar die Geschlechtsorgane, sondern Identitätsgefühl, -bewusstsein, Empfinden und Verhalten.
  • So kann sich ein Mensch, der eine vollständig weibliche/männliche Anatomie hat, dennoch nicht als Frau/Mann, sondern teilweise oder voll  als Mann/Frau fühlen und möchte auch so wahrgenommen werden (Transmann/Transfrau).
  • In vielen Ländern dieser Erde werden Trans-Menschen verfolgt, gefoltert oder getötet.

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