"Vollkommen dilettantisch gehandelt"

Fahrschulen dürfen wieder unterrichten

Ahr. Rund acht Wochen standen die Räder der Fahrschulautos still. Nun dürfen sie wieder fahren. Doch jetzt gilt es, den Prüfungsstau zu bewältigen.

Rund acht Wochen mussten die Fahrschulen aufgrund der Corona-Bekämpfungsverordnungen schließen. Dabei sind die Eifeler dringend auf ihre Führerscheine angewiesen. Inzwischen rollen die Autos wieder. "Lange ersehnt", sagt Christian Hecken, der eine Fahrschule mit Filialen in Adenau, Ahrbrück, Schuld und Burgbrohl betreibt.

Natürlich müssen auch die Fahrschulen Hygienevorschriften einhalten. Im Theorieunterricht gelten Abstands- und Maskengebot. "Wo vorher 30 Schüler saßen, sitzen jetzt nur noch acht", berichtet Hecken. "Gerade für größere Fahrschulen bedeutet das eine enorme Mehrbelastung, denn sie müssen mehr Theorieunterricht anbieten", erklärt Reinhard Queckenberg, zu dessen Fahrschule neben der Zentrale in Grafschaft-Lantershofen Filialen in Bad Neuenahr-Ahrweiler, Bad Breisig, Wachtberg-Berkum und -Niederbachem gehören.

Im Theorieunterricht empfindet Queckenberg den Mund-Nase-Schutz als Belastung. Gerade Schüler, die weiter hinten im Raum sitzen, seien dadurch schlecht zu verstehen. Beim Praxisunterricht im Auto habe er nur positive Erfahrungen gemacht, so Queckenberger: "Die Schüler sind sehr kreativ bei der Maskengestaltung." Christian Hecken empfindet das anders: "Ich habe das Fahren mit Maske unterschätzt." Auf Dauer sei das Tragen im Auto anstrengend. Bei vielen Brillenträgern beschlage zudem durch die Maske die Sehhilfe.

Tragen von Handschuhen wird empfohlen

Das Tragen von Latexhandschuhen ist hingegen keine Pflicht. "Aber es wird von uns empfohlen", sagt Queckenberg. Im Gegensatz zu seinen Fahrschülern tragen Heckens Schützlinge keine. "Davon halte ich nicht viel. Man muss ein Gefühl für das Lenkrad bekommen", sagt er. Eine weitere Maßnahme ist die Desinfektion der Kontaktpunkte wie Schalthebel, Lenkrad und Einstellhebel nach jedem Schüler sowie das häufige Lüften der Autos.

Zahlreiche Fahrschüler wollen den Führerschein zu einem bestimmten Zeitpunkt in den Händen halten, weil sie beispielsweise eine Ausbildung antreten und dafür mobil sein müssen. "Am 1. August fangen viele Ausbildungen an. Das war auch ein Argument gegenüber der zögerlichen Landesregierung, den Betrieb wieder eine Woche früher aufzunehmen als geplant", sagt Queckenberg. Beide Fahrlehrer kennen Schüler, die dringend auf den Führerschein warten. "Ich versuche da eine Prioritätenliste aufzustellen", erklärt Hecken.

Bei seinen Praxisstunden ergibt sich noch ein anderer Zeitfaktor. Seine Fahrschüler wohnen größtenteils im Adenauer Land. "Mit den Schülern, die schon in der Stadt fahren, muss ich erst mal ins Prüfgebiet nach Bad Neuenahr-Ahrweiler kommen", erklärt er. Üblicherweise nimmt er zwei Schüler mit, die sich die Fahrt teilen. Nun aber ist nur noch ein Schüler im Auto erlaubt. Dementsprechend länger werden die Praxiseinheiten. Die letzten Unterrichte und Prüfungen gab es am Mittwoch, 18. März. "Ich hätte donnerstags und freitags 15 Prüflinge gehabt. Um die tat es mir besonders leid", sagt er.

Großes Unverständnis zeigt Queckenberg für diese Situation, von der die Fahrlehrer vollkommen überrascht worden seien. "Die Prüfer sind am 18. März plötzlich per WhatsApp von den Prüfungen abgezogen worden", berichtet er. Da habe die Landesregierung "vollkommen dilettantisch" gehandelt.

Fünf Schüler vor Prüfung nach Hause geschickt

Fünf Schüler, die auf ihre Prüfungen warteten, habe er mittwochs nach Hause schicken müssen. Noch zwei Tage zuvor habe es geheißen, Fahrschulen gelten als Dienstleister und nicht als Schulen, müssten deshalb nicht sofort schließen. "Der Grundgedanke Zeit zu gewinnen, damit die Leute nicht auf den Krankenhausfluren sterben wie in Italien, ist ja nachvollziehbar. Aber ich hätte mir mehr Vorlauf gewünscht", kritisiert er.

Ebenso hätten die Fahrstunden teils früher wieder aufgenommen werden müssen, moniert Queckenberg. So säßen Schüler und Lehrer bei der Zweirad-Ausbildung in zwei verschiedenen Fahrzeugen und die Schüler müssten momentan ihre eigene Bekleidung und Helm mitbringen. Und bei der Lkw-Ausbildung betrage der Abstand üblicherweise sowieso 1,50 Meter. "Man hätte also eine differenzierte Regelung finden können", findet er.

Die Ampeln stehen wieder auf Grün

Dabei heben beide Fahrlehrer die Arbeit von Jo Einig, Vorsitzender des Fahrlehrer-Verbands Rheinland, hervor. Er hatte unter anderem mehrere Briefe ans Ministerium geschickt. "Der Vorstand war enorm bemüht. Denen haben wir es zu verdanken, dass wir überhaupt öffnen. Sonst würden wir heute noch nicht arbeiten", ist sich Hecken sicher.

Nun haben sich Prüfungen aufgestaut. Die könne der TÜV als Prüfinstitution durch externe und interne Regelungen aufgrund der Corona-Situation nicht so schnell abarbeiten, sagt Queckenberg: "Wo sonst 13 bis 14 Theorieprüfungen absolviert wurden, sind es jetzt nur die Hälfte." Deshalb geht er davon aus, dass sich auch bei Schülern, die jetzt mit der Fahrschule starten, längere Ausbildungszeiten ergeben. Zu einem festen Termin fertig zu werden, könne man neuen Schülern jetzt nicht zusagen, betont Queckenberg. Wichtig sei es, alle Unterlagen rechtzeitig komplett einzureichen, denn aufgrund der Situation habe man keinen täglichen Kontakt mehr mit der bearbeitenden Verwaltung.

Die Schüler, die im März kurz vor ihren Fahrprüfungen standen, müssen nun auch noch einmal ein paar Unterrichtseinheiten nehmen. "Das kann man mit einem Vokabeltest vergleichen. Wenn der im März ausfällt, muss man da jetzt auch erst noch einmal reinkommen", erklärt Hecken: "Im Allgemeinen ist man nach zwei Fahrstunden aber wieder drin."


Der Lockdown hat auch für die Fahrschulen wirtschaftliche Folgen. "Zwei Monate Totalstillstand bedeutet zwei Monate kein Umsatz", so Queckenberg: "Man kann den Schülern in der Zeit zwar schon mal Zwischenrechnungen schicken, aber die Reaktionen sind sehr verhalten." Auch bei Hecken hat die Situation ein tiefes Loch in die Kasse gerissen, aber er besitze glücklicherweise Reserven. "Und ich habe das Glück, dass die Autos mir gehören und nicht geleast sind. Bei Autos mit dieser hohen monatlichen Laufleistung kann man mit Leasingraten von 500 bis 700 Euro pro Monat rechnen", erklärt er.
Jetzt stehen die Ampeln wieder auf Grün und Hecken ist guten Mutes. An neuen Fahrschülern mangele es nicht. Schon in den ersten Tagen nach der Wiederöffnung habe er 35 Anmeldungen entgegengenommen.

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