Bahnverkehr wird viele Monate ausfallen

Infrastruktur in Ahrtal und Eifel großflächig zerstört

Eifel. Möglicherweise wird der Aufbau der Bahn an der Ahr und in der Eifel mehrere Jahre in Anspruch nehmen. Die Verkehrsunternehmen geben einen Überblick über den Schienenersatzverkehr.

"In dieser Dimension wurde unsere Infrastruktur noch nie auf einen Schlag zerstört. Wir stehen vor einem gewaltigen Kraftakt", sagte Dr. Volker Hentschel, Vorstand Anlagen- und Instandhaltungsmanagement der Deutsche Bahn (DB) Netz AG, heute in einer digitalen Pressekonferenz. Darin blickte er mit Bernd Köppel, Leiter Infrastrukturprojekte in der Region West der DB AG, auf die vergangenen Tage zurück und auf die kommenden Monate. Aufgrund der Situation hat die DB eine Task Force gegründet. Nach ersten Einschätzungen geht Hentschel aktuell im DB-Netz und an den Bahnhöfen von Schäden in Höhe von rund 1,3 Milliarden Euro aus.

Mehr als 600 Kilometer Gleise, mehr als 50 Brücken, rund 180 Bahnübergange, etwa 40 Stellwerke, mehr als 1.000 Oberleitungs- und Signalmasten, Energieanlagen sowie Aufzüge und Beleuchtungsanlagen in den Bahnhöfen sind betroffen. Rund 2.000 Mitarbeiter seien in den vergangenen Tagen bereits im Einsatz gewesen. Noch hätte nicht alle Erkundungsarbeiten abgeschlossen werden können. "Das ist auch emotional keine einfache Sache, weil viele Kolleginnen und Kollegen persönlich betroffen sind", so Hentschel. Erleichtert zeigte er sich, dass während des Unwetters keine Fahrgäste zu Schaden kamen.

Ziel: Bis Jahresende 80 Prozent der Strecken wieder in Betrieb

An sieben Regionalverkehrsstrecken ist eine grundlegende Sanierung oder gar ein kompletter Neubau erforderlich. Schnell zu realisierende Reparaturen und Baumaßnahmen mit hohem Nutzen für die Fahrgäste und den Bahnverkehr haben Priorität. Dafür sind von den DB-Bauteams im ersten Schritt vor allem auf den Hauptstrecken und Verbindungen mit kleineren Schäden behelfsmäßige Reparaturen durchgeführt worden. Ziel sei es, bis Jahresende rund 80 Prozent der Strecken wieder in Betrieb zu nehmen, so Hentschel. Auf die Ahrtalbahn und die Eifelstrecke trifft das nicht zu. Für das Ahrtal sprach Köppel sogar von "mehreren Jahren" Aufbauarbeit. "Bei der Strecke Bonn-Euskirchen hoffen wir, den Betrieb nach einigen Monaten wieder aufnehmen zu können", sagte ein Sprecher der Bahn auf Nachfrage des WochenSpiegel. Für Strecken und Anlagen, die von den Wassermassen völlig zerstört wurden, ist ein längerer Planungs- und Bauzeitraum erforderlich.

Gemeinsam mit Gemeinden, Ländern und dem Bund müssen hier mitunter völlig neue Verkehrskonzepte unter Berücksichtigung der jeweiligen landschaftlichen Gegebenheiten entwickelt werden, heißt es seitens der DB. Die betroffenen Strecken sollen nach dem neuesten Stand der Technik wiederaufgebaut werden. Erfahrungen aus anderen Hochwassergebieten sollen in den Neubau einfließen, so Hentschel. Das könnte möglicherweise bedeuten, dass Brücken in anderer Form erneuert werden, um dem Wasser größere Durchflussmöglichkeiten zu bieten. Auch das Verrücken von Strecken weiter weg von Flüssen oder auf aufgeschütteten Dämmen könnte eine Rolle spielen. Auf künftige Witterungsextreme und Folgen des Klimawandels bereitet sich die DB mit einer Resilienz-Strategie auf der Grundlage einer Studie des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung vor.

Schienenersatzverkehr eingerichtet

Ersatzverkehre mit Bussen sind, soweit in den Krisenregionen die Straßeninfrastruktur noch intakt ist, eingerichtet. Inzwischen sind größtenteils Schienenersatzverkehre (SEV) mit einem geregelten Fahrplan aufgebaut worden. Für die Ahrtalbahn verkehrt im Halbstundentakt ein SEV zwischen Remagen und Ahrweiler im Halbstundentakt angeboten (Fahrplan s. hier). Zwischen den Bahnhöfen Euskirchen und Gerolstein wurde auf der Eifelstrecke ein SEV im Stundentakt eingerichtet (Fahrplan s. hier), zwischen Gerolstein und Trier seit dem heutigen Freitag, 23. Juli, ebenso (Fahrplan s. hier).

Der Schienenersatzverkehr zwischen Euskirchen und Köln Hauptbahnhof, der aufgrund Instandhaltungs- und Modernisierungsarbeiten während der Sommerferien bereits eingeplant war, wurde inklusive der Fahrradbusse wieder aufgenommen. Dort verkehren Schnellbusse zwischen Euskirchen und Köln Hauptbahnhof (Fahrplan s. hier) sowie zwischen Erftstadt und Köln Hauptbahnhof (Fahrplan s. hier). Außerdem fahren zwischen Euskirchen und Hürth-Kalscheuren Busse. In Hürth-Kalscheuren besteht nach Köln Anschluss an die Züge der Linien RB 26 und RB 48. Ebenfalls eingerichtet wurde ein Schienenersatzverkehr für die Voreifelbahn zwischen Euskirchen und Bonn im Halbstundentakt (Fahrplan s. hier). +++UPDATE+++ Auch für die Erfttalbahn zwischen Euskirchen und Bad Münstereifel wurde inzwischen ein SEV-Fahrplan ein gerichtet. Weitere Informationen gibt es hier.

Die Bahnhöfe/Haltepunkte Alfter-Witterschlick, Hüttingen, Philippsheim, Speicher, Auw a.d. Kyll, Daufenbach, Kordel, Ehrang und Pfalzel können derzeit nicht angefahren werden. +++UPDATE+++ Der Haltepunkt Scheven wird inzwischen wieder bedient.

Die Fahrpläne sind zudem als pdf-Dateien unter/neben diesem Bericht zu finden. Die aktuellsten Informationen in Textform gibt es unter www.bahn.de/aktuell. Die Fahrpläne der eingerichteten SEV-Leistungen werden schnellstmöglich in die Datenbanken eingegeben, benötigen aber etwas Zeit, bis diese in den elektronischen Auskunftssystemen verfügbar sind. Weitere SEV-Leistungen sind noch in Bearbeitung, insbesondere Expressbusse zwischen Trier und Euskirchen. DB Regio NRW, die beauftragten Busunternehmen und der SPNV-Nord arbeiten intensiv daran, den SEV zu stabilisieren. Die Fahrgäste werden trotzdem weiterhin um Verständnis für Einschränkungen und Abweichungen gebeten.

Internationaler Fernverkehr

Im internationalen Fernverkehr ist seit heute wieder die Fahrt mit dem ICE nach Brüssel möglich. Züge aus Hamburg halten vereinzelt wieder in Düsseldorf. Bonn ist wieder an den Fernverkehr angeschlossen. Seit gestern können Reisende aus Berlin nach Düsseldorf und Köln fahren. Zum Start in die neue Woche geht die DB von einer weiteren Normalisierung des Fernverkehrs für Ziele in NRW aus. Für die vom Extremwetter betroffenen Regionen behalten daher alle für den 14. bis 19. Juli 2021 gebuchten Tickets für den Fernverkehr ihre Gültigkeit und können entweder kostenfrei storniert oder bis eine Woche nach Störungsende flexibel genutzt werden. Sitzplatzreservierungen können umgetauscht werden. Betroffene Reisende, die ihre bereits gebuchte Reise nicht antreten möchten, können ihre Tickets kostenlos zurückgeben.

Die DB empfiehlt allen Reisenden, sich vor Fahrtantritt über die DB-Auskunftsmedien www.bahn.de/aktuell, den DB Navigator sowie unter bahn.de zu informieren. Für Informationen zur aktuellen Lage im Zugverkehr hat die Deutsche Bahn zudem eine kostenlose Sonder-Hotline eingerichtet: 08000 99 66 33.

Neben den Strecken in Ahrtal und Eifel sind im Ruhrgebiet und insbesondere rund um Essen große Schäden zu verzeichnen. Hinzu kommen Schäden in Bayern, Baden-Württemberg und Sachsen.

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