»Die Chance für Deutschland«

Dankbarkeit muss in der Flüchtlingsfrage keine Einbahnstraße

Gransdorf. Simone Willems aus Gransdorf hat seit Sommer ein großes Ziel: »Ich möchte die Fremdenfeindlichkeit durchbrechen.« Als Flüchtlingshelferin erlebt sie, wie ihr Engagement ihr eigenes Leben bereichert.

Die Verunsicherung im Land angesichts der Flüchtlingsströme nach Deutschland wächst. Dem entgegen möchte Simone Willems ein positives Zeichen setzen. Daher hat sich die 38-jährige Gransdorferin als Helferin beim DRK gemeldet. Ihr Credo: "Guckt euch die Menschen und ihre Geschichte an." Seit August betreut sie eine Flüchtlingsfamilie.

Als Ahmad (33) und Samar (25) (Namen v.d. Red. geändert) mit ihren Töchtern ins Bitburger Land zogen, hat Simone Willems erlebt, dass es große Berührungsängste der Einheimischen mit der Familie aus Syrien gab. Und deshalb ist sie daran gegangen, Kontakte herzustellen. "Leute mit Vorurteilen waren bei Ahmad und Samar zum Essen eingeladen, danach waren alle Vorurteile weg." Die Menschen im Dorf haben ihre Speicher und Schränke durchforstet und die Wohnung der Flüchtlinge mit dem Nötigsten eingerichtet.

Bei ihrer Ankunft in Deutschland hatte die vierköpfige syrische Familie nichts als drei Reisetaschen und 110 Euro im Geldbeutel. 15.000 Euro hat die Flucht durch den Libanon, Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Ungarn und Österreich aufgefressen. Allein der Schlepper, der die Familie von Ungarn über die österreichisch-deutsche Grenze gebracht hat, steckte dafür 3000 Euro ein - bei 1000 Euro für einen Erwachsenen und 500 Euro für ein Kind lagen die Preise im Juli.

Nun muss die Familie mit weniger als dem Hartz IV-Regelsatz und ohne Kindergeld auskommen. Daher hilft ihnen Simone Willems auch mit ihrem eigenen Geld und finanziert den Eltern einen Deutschkurs bei der VHS. Die Kinder lernen Deutsch in einem Intensivkurs an der Grundschule Süd in Bitburg. Zusätzlich gibt eine ehrenamtliche Deutschlehrerin auf Vermittlung des DRK privaten Unterricht. Am Kühlschrank bei Ahmad und Samar hängen Merkzettel mit Übersetzungen von Alltagsvokabeln. Aber die Annäherung an die fremde Kultur ist im Haus der syrischen Familie keine Einbahnstraße. Simone Willems hat einen Sprachkurs in Arabisch belegt.

Lachen und weinen

Die Verständigung zwischen ihrer eigenen Familie und ihren syrischen Schützlingen funktioniert allerdings auch ohne Sprache. "Wir haben das Opferfest gemeinsam gefeiert und die Familie wird Weihnachten und Silvester mit uns feiern. Das ist für mich keine Flüchtlingsfamilie, es ist meine Familie", sagt sie. Und so sehen es auch ihr Mann und ihr Sohn. "Wir lachen und wir weinen zusammen", sagt Willems. Und die Tränen fließen auch wieder in diesem Gespräch, in dem Ahmad und Samar ihre Geschichte erzählen. Möglich ist das mit Hilfe des Übersetzers Ammar Zagzoug, der selbst vor 24 Jahren als Palästinenser nach Deutschland kam, und heute einer der 300 Ehrenamtlichen ist, die das DRK vor Ort in der Flüchtlingskrise unterstützen.

"In Syrien gibt es keine Sicherheit", beginnt Ahmad. Er und seine Tochter wurden bei einer Explosion in ihrer Heimatstadt Darayya verletzt, sein Onkel und seine Schwägerin wurden entführt. Er selbst lebte in der ständigen Gefahr, verhaftet zu werden, weil er sich dem Militäreinsatz widersetzte. Trotzdem habe er nie aus Syrien weggewollt. Bis seine Frau den Ausschlag gab, weil die Angst zu groß wurde.

Das Boot kenterte

Zwei Monate dauerten die Fluchtvorbereitungen. 26 Tage lang waren sie dann bis Deutschland unterwegs. Das schlimmste Erlebnis, das die sechs- und achtjährigen Kinder heute noch mit Alpträumen vom Ertrinken quält, war die Überfahrt von der Türkei nach Griechenland in einem überfüllten Schlauchboot. Das Boot kenterte. Die Küstenwache rettete die Menschen aus dem Meer. Der erste Schritt in ein neues Leben ist geschafft.

Den zweiten Schritt geht Irmgard Mminele, die die Flüchtlingshilfe für das DRK koordiniert, nun mit Ahmad an: Arbeit finden. Denn Ahmad, der als Immobilienhändler gearbeitet hat, will "kein Bettler" sein. Auch dabei hilft Simone Willems. "Ich tue ihnen gut und sie tun mir gut. Es ist ein Geschenk, dass wir uns gefunden haben", sagt sie. Diese Dankbarkeit empfänden viele Helfer, wirft Mminele ein. "Darin liegt die Chance für Deutschland." bil

 

Foto: S. Schönhofen

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