Rettet die Lebensmittel vor der Tonne!

Tawern. Jedes Jahr landen in Deutschland zwölf Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll – die Hälfte davon in privaten Haushalten. Circa 500.000 Tonnen jährlich sortiert der Groß- und Einzelhandel aus. Hauptgrund dort ist das Mindesthaltbarkeitsdatum. Der Verein »Share & Save« rettet vermeintlich überlagerte Lebensmittel und hilft damit Bedürftigen.

Für Melanie Christmann und ihren Lebensgefährten Florian Marx begann alles mit einer Kleinanzeige im Internet. Gesucht wurden Lebensmittelretter, das heißt Menschen, die Obst, Gemüse, Tiefkühlpizza und Co. abnehmen, die von Supermärkten und Bäckereien aussortiert wurden. Das Paar, das seine Wurzeln eigentlich in Trier beziehungsweise Konz hat, lebte damals im Raum Rheinhessen und wurde dort schnell Teil eines Netzwerks von Ehrenamtlichen, die mehrmals in der Woche für Bedürftige aus der Region abgelaufene Nahrungsmittel einsammeln. Mittlerweile lebt das Paar in Tawern; mit im Gepäck die Idee von »Share & Save«. Die lokale WhatsApp-Gruppe, über die die Aktionen rund um Tawern organisiert werden, zählt bereits rund 100 Teilnehmer, 50 davon sind Lebensmittelretter. Die eigentliche Kernaufgabe, aussortierte Lebensmittel bei den Betrieben abzuholen, wird von den vier lokalen Mitgliedern von »Share & Save« erledigt.

Mindestens haltbar bis...

Dass es in Supermärkten überhaupt zu so vielen aussortierten Lebensmitteln kommt, liegt maßgeblich am Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD). Das MHD ist dabei kein Wegwerfdatum. Vielmehr gibt es den Zeitpunkt an, bis zu dem ein Lebensmittel unter angemessenen Aufbewahrungsbedingungen seine spezifischen Eigenschaften wie Geschmack, Farbe und Konsistenz behält. »Wir haben uns die Märkte so erzogen, dass selbst abends kurz vor Ladenschluss die Theken voll sein müssen«, sagt Florian Marx, der selbst einige Jahre für eine große deutsche Supermarktkette tätig war und daher aus der Praxis berichten kann. »Supermärkte dürfen durchaus Produkte verkaufen, bei denen das Mindesthaltbarkeitsdatum bereits abgelaufen ist«, sagt er. Allerdings müssten die Geschäfte dann die betreffenden Produkte entsprechend kennzeichnen und auch die Verantwortung für die Folgen übernehmen. Lieber gehen die Unternehmen hier auf Nummer sicher: »Das führt dann dazu, dass Lebensmittel bereits Tage vor Ablauf des MHD aussortiert werden«, weiß Marx. Deshalb planen er und Lebensgefährtin Melanie Einkäufe, indem sie vorher überlegen, was in den nächsten Tagen auf den Tisch kommen soll. Da macht es dann auch nichts, wenn das MHD in zwei oder drei Tagen abläuft. Immer wieder erleben die Lebensmittelretter, dass Kunden Produkte beispielsweise im Kühlregal aus den hintersten Reihen nehmen, statt den Joghurtbecher, der ganz vorne steht. Der auf diese Weise verschmähte Joghurt rückt so dem MHD immer weiter auf die Pelle, bis er schließlich von den Mitarbeitern aussortiert wird.

Aus Sicht der Lebensmittelnachhaltigkeit ist auch das Lagersystem des Einzelhandels Fluch und Segen zugleich. Ein Segen, weil viele Produkte schnell und in ausreichender Menge verfügbar sind; ein Fluch, weil durch den Lagerbestand auch hin und wieder Lebensmittel nicht zeitnah in den Verkauf gelangen und deshalb verfallen.

Das System »Share & Save«

Der Erfolg hinter »Share & Save« beruht zunächst auf Eigeninitiative. Potentielle Lebensmittelspender, zu denen auch Bäckereien und Cafés zählen, werden von den Lebensmittelrettern angesprochen und auf Wunsch mit Informationsmaterial versorgt. Firmen, die bereits mit an Bord sind, melden sich mittlerweile regelmäßig, wenn etwas abzuholen ist. »Aktuell können wir im Umkreis Trier bei fünf Betrieben Lebensmittel einsammeln«, berichtet Christmann. Die Logistik übernimmt das Paar aus Tawern trotz zweier Kinder, Vollzeitjobs und aktueller Haussanierung noch in ihrer Freizeit. Mehrmals in der Woche klappern sie die Betriebe ab. Neben Bedürftigen in der WhatsApp-Gruppe zählen auch Obdachlose in Trier zu ihren »Kunden«. Letztere erhalten bunt gepackte Lebensmittelpakete: Obst, Gemüse, Käse, Wurst – ab und an auch Süßigkeiten. Der Erfolg der Initiative ist bereits sichtbar. »Die Betriebe reagieren auf uns«, sagt Christmann. So beobachte sie, dass einzelne Spender besser kalkulieren, sodass abends weniger Lebensmittel für die Retter übrig bleiben. Eigentlich eine paradoxe Situation. Nicht für Christmann: »Je weniger entsorgt werden muss, desto besser – denn das ist ja unser Ziel.«

Selbst Lebensmittelretter werden? Infos und Kontaktmöglichkeiten unter www.shareandsave.de

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