Schmerzhafte Hindernisse

Stadt Trier. Für viele blinde oder sehbehinderte Menschen kann der Gang vor die eigene Haustür zu einem gefährlichen Unterfangen werden. Mangelhafte Leitsysteme sowie fehlende haptische und akustische Signale an Ampeln schränken den Bewegungsradius von Betroffenen ein – auch in Trier. Für die Verbesserung der Orientierungsmöglichkeiten engagiert sich der Verein Pro Retina.

Wolfgang Jacobs aus Konz hat die Stadt vermessen: 250 Schritte sind es bis zum Rathaus, ebenso viele zum Kaufland. Zur Tochter Julia wären es eigentlich nur 50 Schritte. Von seiner Wohnung aus müsste er lediglich über die Straße und ein kurzes Stück auf dem Bürgersteig entlang. Für Sehende überhaupt kein Problem, auch nicht der Autoverkehr in der dicht befahrenen Schillerstraße. Doch für den vollständig erblindeten Wolfgang Jacobs führt ohne Begleitung kein direkter Weg zu seiner Tochter. Wieder hilft ihm das Zählen – wie auch sonst im gewohnten Alltag, auch beim Kaffeekochen. 200 Schritte sind es bis zum Kreisel am ehemaligen Rewe-Markt, weitere 200 die Güterstraße hinunter, dann unter den Gleisen durch und weiter auf der anderen Seite. Bis zum Ziel sind es so anstatt der 50 Schritte nun um die 1200, schätzt Jacobs. Entlang des Weges orientiert sich der 75-Jährige mithilfe seines Blindenstockes an den mehr oder weniger natürlichen Hindernissen wie Bordsteinen, Grünflächen und Geländern.

Trierer Fußgängerzone mit Verbesserungsbedarf

Etwas anders stellt sich die Problematik für Menschen dar, die zwar nicht vollerblindet sind, aber dennoch unter erheblichen Einbußen des Sehvermögens leiden. Diese sogenannten »gesetzlich Blinden« machen circa 95 Prozent aller als blind bezeichneten Personen aus. Sie verfügen nur noch über ein Restsehvermögen von maximal 2 Prozent. Eine von ihnen ist Marion Palm-Stalp aus Oberbillig. Sie ist Regionalgruppenleiterin des Vereins Pro Retina und hat sich in einem vierjährigen Rechtsstreit einen Zebrastreifen in der Obermoselgemeinde erstritten. Seit ihrem 23. Lebensjahr leidet sie an Morbus Stargardt, einer Erkrankung, die schubweise das Augenlicht trübt. Um sich im Alltag zurechtzufinden ist sie insbesondere im öffentlichen Raum auf Kontraste angewiesen. »Ich liebe den Sommer«, sagt die 51-Jährige, die beim Bistum Trier die Tonpost-Formate »Hörerforum« und »Hörer für Hörer« moderiert. »In den dunklen Jahreszeiten zeichnen sich helle und dunkle Töne schlechter ab. Das macht mir das Orientieren schwerer.« Auch wenn in Trier bereits vieles besser ist als in der Nachbargemeinde, so gibt es auch in der hiesigen Fußgängerzone zahlreiche Hindernisse, die es sehbehinderten Menschen schwer machen. Schwierig könne es auch an eigentlich gut ausgestatteten Ampeln werden. Allerdings wird insbesondere bei großem Verkehrsaufkommen wie zum Beispiel in der Nordallee das akustische Signal der Grünphase vom Motorenlärm übertönt. »Ich muss mich dann an den anderen Fußgängern orientieren«, sagt Marion Palm-Stalp, die in solchen Situationen darauf vertrauen muss, dass niemand bei Rot die Straße überquert. Darüber hinaus bemängelt sie die zahlreichen Poller, die aus ihrer Sicht ungünstig positioniert sind und zudem für Menschen mit Restsehvermögen nur schwierig auszumachen sind. Unfreiwillige Zusammenstöße sind dabei vorprogrammiert, was besonders dann unangenehm ist, wenn der Poller in der Höhe des Intimbereichs endet. »Poller müssen sein«, sagt sie. »Es fehlt aber der Kontrast, manche stehen einfach nur im Weg.«

Gelb-schwarze Mützen gegen Poller-Kollision

Ihre Idee: Warum die Poller nicht von Graffiti-Sprayern in deutlichen Farben kunstvoll gestalten lassen? Beispielsweise am Willy-Brandt-Platz, in dessen Umfeld besonders viele Poller aufgestellt sind. Vorerst muss eine andere Idee ausreichen: Mit einer bundesweiten Aktion am »Tag der Sehbehinderten« am Sonntag, 6. Juni, will Pro Retina auf diesen Missstand hinweisen. Über verschiedene Kanäle wurde der Aufruf gestartet, Mützen zu stricken und dem Verein zuzusenden. So werden in verschiedenen Städten und Gemeinden – so auch in Trier – die grauen Poller gelb-schwarze Mützen tragen, um auf die Gefahr aufmerksam zu machen. Immerhin: Baudezernent Andreas Ludwig hat im Zuge der Absicherung der Fußgängerzone vor dem Hintergrund der Amokfahrt weitere Verbesserungen zugesagt.

Was macht Pro Retina?

Pro Retina Deutschland e. V. wurde 1977 als »Deutsche Retinitis Pigmentosa-Vereinigung« von Betroffenen und deren Angehörigen mit der Absicht gegründet, sich selbst zu helfen. Jedes Mitglied kann sich einer der heute bestehenden Regionalgruppen anschließen, die über das ganze Bundesgebiet verteilt sind. Der Verein hat zur Zeit circa 6.000 Mitglieder. Die Regionalgruppe Trier und Saarland betreut circa 200 Betroffene im Alter von sieben bis 94 Jahren. www. pro-retina.de

(jk)

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